Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, tief im amerikanischen Landesinneren, trafen sechs deutsche Kriegsgefangene eine Entscheidung. Umgeben von Zäunen und Wachtürmen, einer ungewissen Zukunft entgegenblickend, weigerten sie sich, ihre Menschlichkeit der Leere der Gefangenschaft preiszugeben. Stattdessen entschieden sie sich, etwas zu erschaffen.
Das entstandene Buch - jahrzehntelang gehütet von einem dann am Bodensee lebenden Thüringer - ist kein Bericht über militärische Strategien oder Politik: Es ist ein Zeugnis für die Widerstandskraft des menschlichen Geistes.
Diese Ausstellung lädt Sie ein, in eine Welt einzutreten, die einzig auf diesen Seiten bewahrt wurde.
Es ist eine Reise, die in der fremden, dornigen Hitze von Texas beginnt und zu den verschneiten Zuckerrübenfeldern von Montana führt. Durch ihre Skizzen und Worte begegnen Sie Männern, die,,Busse" aus Pappe bauten, um in ihrer Fantasie zu reisen. Sie werden von einem Musiker hören, der auf einem stummen Klavier übte, um seine Kunst am Leben zu erhalten, und von Arbeitern, die sich in Maschinen verwandelten, um die Ernte zu überstehen. Sie werden sehen, wie sie Humor, Natur und Weihnachtserinnerungen als Schutzschilde gegen die Verzweiflung nutzten.
Dies sind nicht nur Szenen aus einem Kriegsgefangenenlager; es sind Akte des Widerstands gegen das Vergessen. Wie einer der Autoren schrieb:,,Wir schreiben, um zu erinnern."
Gehen Sie den Weg mit ihnen. Hören Sie ihre Stimmen. Und werden Sie Zeuge, wie der Geist.
Der aus Thüringen stammende Helmut Kaufmann wurde im Oktober 1944 von den Alliierten gefangen genommen. In den folgenden 16 Monaten wurde er zwischen Kriegsgefangenenlagern in den Vereinigten Staaten hin- und hergeschickt - von Boston über Texas nach Idaho - wo immer Arbeitskräfte gebraucht wurden.
Im Februar 1946 wurde Kaufmann nach Europa zurückgeschickt, wo er und Zehntausende andere deutsche Kriegsgefangene den französischen oder britischen Behörden als Zwangsarbeiter übergeben wurden. Nach seiner Freilassung einen Monat später reiste er nach Thüringen, um Verwandte zu suchen, die er seit Jahren nicht gesehen hatte. Unterwegs wurde er von der ,,Volkspolizei" (der deutschen Polizei in der sowjetisch besetzten Zone) festgenommen und den sowjetischen Behörden übergeben. Kaufmann verbrachte die nächsten 17 Monate in sowjetischer Gefangenschaft, zunächst in Einrichtungen in der Nähe von Erfurt und Oranienburg (einem Vorort von Berlin), dann an verschiedenen Orten innerhalb der Sowjetunion. Wochen nach der Gründung der DDR, im Oktober 1949, wurde er über Frankfurt an der Oder nach Ostdeutschland repatriiert. Am 22. November 1949 kam er in Pforzheim in Westdeutschland an, wo er sich ein neues Leben aufbauen würde.
Kaufmann, 1940
Nach seiner Entlassung, 1949
Kaufmann und seine Frau, 1980
,,Texas! Die Hitze ist drückend... Die Vegetation ist fremd und feindselig. Wir nennen sie,Texasminen' Vorsicht, wo man hintritt!" - [Tagebucheintrag, Bild 24]
1943 stoppte der Transportzug in der Hitze von Texas. Für die deutschen Gefangenen war Amerika nicht nur ein fremdes Land, sondern ein fremder Planet. Die ausgestellte Skizze zeigt die Feigenkakteen, die überall um Camp Kenedy wuchsen. Orientierungslos und tausende Meilen von zu Hause entfernt, projizierten die Gefangenen ihre Kriegsangst auf die Pflanzen unter ihren Füßen und beschrieben die Landschaft selbst als Waffe.
"Vorhänge aus Toilettenpapier... ein Symbol unserer Sehnsucht nach ein wenig Privatsphäre und Schönheit. In der Ecke steht der,Texas Express', unser Bus ins Nirgendwo." - [Tagebucheintrag, Bild 49 & 50]
Baracke H.9 war eine überfüllte, staubige Holzkiste. Dennoch offenbaren diese Zeichnungen einen verzweifelten Versuch, die Würde zu wahren. Betrachten Sie die Innenraumskizze genau: Diese „Vorhänge" am Fenster bestehen vollständig aus Toilettenpapierrollen, gefertigt, um das harte Licht zu mildern. Und der ,,Texas Express"? Ein Modellbus aus Abfällen - ein Vehikel für ihre Fantasie, das sie überallhin bringen konnte, nur nicht hierher.
"SENSATION! Großer Anstoß! Mit... Den Damen! (Notiz: Kostüme hergestellt aus geopferten Bettlaken)." - [Tagebucheintrag, Bild 39]
In einem reinen Männerlager war die Abwesenheit von Frauen eine ständige Leere. Um damit umzugehen, wandten sich die Gefangenen dem Theater und der Absurdität zu. Das Plakat an der Wand kündigt die „Sensation" der Fußballsaison an. Die begleitende Skizze fängt die surreale Realität jenes Tages ein: Gefangene in Frauenkleidern, Arm in Arm mit Gentlemen". Diese Kostüme waren aus gestohlenen Bettlaken genäht – eine groteske Parodie, die es dem Lachen erlaubte, für kurze Zeit die Realität des Stacheldrahts zu übertönen.
"Wir bauten ein,Stummes Klavier' aus Holz und Papptasten... übten in Stille, damit die Finger die Musik nicht verlernten." - [Tagebucheintrag, Bild 55]
Wie hält man Kunst ohne Werkzeuge am Leben? Artur Benz, ein Musiker, fürchtete, seine Finger würden das Gefühl eines Klaviers vergessen. Seine Lösung war ein Meisterwerk des reinen Willens. Er saß an einer Attrappe aus Pappe und spielte Konzerte, die nur er hören konnte. Zusammen mit dem mechanischen Einfallsreichtum im Diagramm des ,,Rotierenden Weihnachtsbaums" beweist dies, dass ihre Kultur nicht nur erinnert, sondern allen Widerständen zum Trotz konstruiert wurde.
"Vorwärts, zurück. Vorwärts, zurück. Wie ein Jo-Jo an der Schnur... Die Sonne brennt, der Rücken schmerzt. Wir sind die Jo- Jo-Männer" - [Tagebucheintrag, Bild 79]
Die Romantik des amerikanischen Westens starb auf den Rübenfeldern von Montana. Hier wurden die Gefangenen strikt durch ihre Arbeit definiert. Sie nannten ihr Jätwerkzeug "Jo-Jo" wegen seines endlosen Vor-und- Zurück-Rhythmus. Die ausgestellte Karikatur zeigt einen gekrümmten Gefangenen, der physisch mit seinem Werkzeug verschmolzen ist. Auf den weiten Feldern hörten sie auf, Individuen zu sein; sie wurden zu rhythmischen Verlängerungen der Landwirtschaftsmaschine.
"GESUCHT: Peter Schnurr. Der Lagerkater. Wegen Diebstahls von Rationen..., Belohnung: 100 Zigaretten." - [Tagebucheintrag, Bild 45]
Das Tagebuch dokumentiert das Leben, das den Stacheldraht überquerte - sowohl Freund als auch Feind. Der humorvolle ,,Steckbrief" für einen Kater namens Peter Schnurr zeigt die leichtere Seite des Lagerlebens und behandelt den Rationsdiebstahl eines Haustiers als schweres Verbrechen. Doch auf anderen Seiten übernimmt wissenschaftliche Präzision, wie in der detaillierten Anatomie der Anopheles- Mücke zu sehen ist. Jedes Lebewesen wurde zum Studienobjekt, um die leeren Stunden zu füllen.
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